Gabriele Hartmann

nahtlos


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"nahtlos", Georges Hartmann
48 Haiku mit Jahreszeitenbezug
Handarbeit, A6 , 20 Seiten, 2016

Rezension: Rüdiger Jung

Poesie, japanische zumal, kennt eine spezifische Wehmut: den Verlust, der als kostbar erweist, was man besaß. Das Alleinsein und Zurückbleiben nach inniger Gemeinschaft. Die Teilhabe am Vergehen in einer flüchtigen Welt. Eine Sehnsucht, die über jeden Ist-Zustand hinausgeht. Es ist just diese Wehmut, die die besten Stücke aus Georges Hartmanns Haiku-Sammlung "nahtlos" auszeichnet. Eine Liebe, die der Nachglanz erhellt:

     Jetzt, da du fort bist,
     sind die Rosen voll erblüht.
     Wollt’s dir noch zeigen.

Eine Einsamkeit, der selbst die schwache Linderung abhanden kommt:

     Der Frau am Fenster
     bleibt nur ein leerer Schulhof
     zur Ferienzeit.

Menschenleere, wo Menschen sich vergnügten:

     Nach dem Saison-Schluss
     bespielt den Minigolf-Platz
     ganz allein der Wind.

Ein Kinderzimmer, nur mehr von den Dingen belebt:

     Auf Streichholzbeinen
     traben Kastanienpferde
     durchs Kinderzimmer.

Der an Stifter gemahnende "Nachsommer" des Kinderglücks:

     Das kleine Pappschild
     an der Tür zum Eis-Salon
     schimmert im Herbstlicht.

Kein Versinken in Melancholie – mitnichten! Steht doch Georges Hartmann ein ganz linder Sarkasmus zu Gebote – selbst für den Monat, der mehr als alle anderen unter der Signatur von Vergehen und Abschied steht:

     Die Konjunktur brummt
     im kleinen Schreinerladen.
     Novembertage ...

Hat doch der November auch den Zauber der Martins-Umzüge, deren Nachklang festzuhalten lohnt:

     Papierlaternen
     und silberhelle Stimmchen.
     Dann nur noch Stille.

Ausgesperrt von den Spielen der anderen Kinder und den Vergnügungen der anderen Erwachsenen bleibt mehr, als sich die Nase am Fenster plattzudrücken. Reicht doch schon die Vielfalt kleiner (manchmal gar nicht kleiner) Schriftzüge, die Gemeinschaft zu evozieren, an der sich momentan nicht teilhaben lässt:

     Draußen schneit’s wieder.
     Er liest die Unterschriften
     auf dem Gipsbein.

Linder Sarkasmus? Eine Stärke! Damit lässt sich auch die Schwelle zur fünften Jahreszeit der Japaner beherzt und schwungvoll nehmen:

     Rien ne va plus!
     Ich setze Hundert auf Schwarz
     und das neue Jahr.




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