Gabriele Hartmann

Lyrik


Stand 14.09.2016: 21 x Lyrik von Gabriele Hartmann

kristallner Traum

über öden Stoppeln
sichelschwingend Nacht
      warten – warten

zögernd
wirft sein Gold der Hain
      nicken – nicken

im Feuer
zittern welke Finger
      trommeln – trommeln

katzenäugig
zwinkert mir der Teich
      jetzt – jetzt

zerschellt
beim Prall der Worte
      mein kristallner Traum

(Erst: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2016, Anthologie XIX)

Schattenwurf

Blätter fallen, fallen her
übern Winterbaum
kreischen, flattern auf

Parklücke
rein zwängen raus
übern Beifahrersitz
atemlos steif: alt

armer schwarzer Kater
springt – stoppt – springt
übern Lack kratzend
stößt ab

Schattenwurf
jauchzend betrübt
übern Tag irgendwie ... geht auch

(Preis der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte 2015, Anthologie XVIII)

der selbe Mond

Schienen verlassen mich
Richtung Schatten
      : … reisen

Fächerpalmen spalten
den schwarzen Samt
      : … Triangel

Fledermäuse umrunden
Hesperos
      : … Laterne

Reklame erglüht
in kaltem Refrain
      : … Grille

Züge schneiden
kreischende Scheiben
      : … morgen

am Ende
meiner Reise
      : … der selbe Mond

(Erst: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2014, Anthologie XVII)

bald

eine Feder auf meinem Weg
liegen lassen ...
      Ikarus mag sie verloren haben
nah am Abgrund: Schatten
bald -

eine Feder auf meinem Weg
zögernd greifen und fallen lassen ...
      Ikarus möge sie finden
über'n Abgrund gebeugt: mein Traum
bald - schon bald

eine Feder auf meinem Weg
achtsam annehmen ...
      Ikarus spricht:
"Und jetzt spring endlich.
Es ist Liebe!"

(Preis der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte 2013, Anthologie XVI)

Opfer

'ne steife Krähe
im Schnee . . . ein Hund
läuft vorbei

auf seinem Rücken
Pflaumenblüten - schon?

den Stein vom Grab
wärm ich mit meiner Hand
zur Opfermünze

um Stille
mir zu kaufen
und Kerzen

Trauer beladen steigen
Ballons aus Kinderhand

was könnte schlimmer
schmerzen als nie mehr Frühling
für jene Krähe

(Erst: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2012, Anthologie XV)

verschlossen

qualmende Taxen
auf dem Vorplatz
Bettler sammeln Kippen

ein Mohr liest Rilke und trinkt
am Coffee to go - es zieht

verblasste Sticker
sämtliche Toiletten
verschlossen

gege das Geländer
lehnen ...
schwere Lider

bei jedem Ruck der Zeiger
die Worte wiederholen

unsere Umarmung
bis zum Ende des Bahnsteigs
andere

(Preis der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte 2011, Anthologie XIV)

ja! und

fadenlang das wort damals
so viel schwarz für nein
damals - die nacht zu kurz
das nein weggelacht

helle spuren nach damals
lachen auf der tischplatte
nein - keine nacht mehr
schlaflos

nie wieder damals
eine spur nach morgen:
schwarzer kajal - fadendick, ja!
und

(Erst: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2010, Anthologie XIII)

grau in grau

Girlanden trauernder Weiden ganz zärtlich
schmücken mit brennenden Abendwolken
blutrot einer alten Kapelle Stuck
unter filigranen Schatten
für Eingeweihte ihre gekeilte Botschaft
Geheimnis gar im Wind verborgen
mürbes Astgeflecht tanzt
zwischen Gardinenbahnen
gleich wehenden Fahnen das Mosaik
aus Licht und Scheu schwenkt
zu Rapunzels Zöpfen
über die Wasseroberfläche
deren Farbe stirbt
grau in grau

(Erst: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2009, Anthologie XII)

Tiefe

der Sturm möge schweigen
noch zittern Wipfel im Reigen
schwarz glänzt nasser Asphalt
den Regenfluten sei Einhalt
geboten
Hagel zerstoßen zu Sternenstaub
Kristalle glitzern im tristen Laub
rollender Donner verhallt in der Ferne
dessen Blitze die Sterne
bedrohten
hörst Du die gläserne Stille
zerbrechlich wie unsteter Wille 
wie Pergament zerlesener Briefe
lass uns gemeinsam die Tiefe
  ausloten

(Preis der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2003, Anthologie VI)

FLAT

 
20:30 power on
20:30 1 . . . schön dass du da bist . . .
20:31 2  . . . worum geht’s denn . . .
20:31 3 . . . mitten im wald . . .
20:31 . . . dafür der beweis . . .
20:32 . . . einbahnstraße . . .
20:32 6 . . . geistige herausforderung . . .
20:32   . . . waren doch kleinigkeiten . . . 
20:33 8 . . . und das gleich in allen bereichen . . .
20:33 9 . . . lebendig wie ihr leben . . .
20:33 10   . . . und dann von einer sekunde auf die andere . . .
20:34 11 . . . es gab auch keine hilfe mehr für sie . . .
20:34 12 . . . lass ich dir das nochmal durchgehn . . . 
20:34 13 . . . gott segne robin hood . . .
20:35 power off

(Erst: Brentano-Gesellschaft Frankfurt/M. mbH / Frankfurter Bibliothek Edition 2009)

schaukelnd

Grenzgang irgendfern zuhause
zigeunerisches Schwarz umfängt
fremde Schatten katzenäugig

blakend schwelen blasse Lichter
durchs dunkle Glas zu-später Stund
traumschwer unterm Sternenlaken

Wellen wälzen nachtanbrausend
ins Schweigen fällt ihr Lilienduft
über falben Häuten schwebend -

schaukelnd -
wäre ich der Mond

(Erst: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2008, Anthologie XI)

die 12ten

der Wilde Jäger ist erw8
tanzt 1sam und all1
3 4tel Takt im Mondensch1
der Rauhen N8

er schreitet 3st ein 5eck ab
10 kräfte lockt er so herab
und l8

beschwört ver2felt seinen 6ten Sinn
beim 11entanz und gibt sich hin
der 12ten M8

doch kaum ward solch 1 Zauber wahr
erstrahlt am 7ten Tag im 9 Jahr
der Geist der Welt in voller Pr8

erlangt zurück der Weltenm8
und herrscht wie 1st bei Tag und N8
voll Kraft und doch ganz s8

(Erst: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2004, Anthologie VII)


Plagiat

kein Wort, das je geschrieben
ist verboten
von Silben sind geblieben
leere Schoten
die mit neuem Sinn gefüllt
Klänge von alten Meistern
wohl temperiert
vermögen zu begeistern
neu intoniert
und ins Mikrofon gebrüllt
Bild und Büste alten Stils
sind ästhetisch
Form und Farbe neuen Ziels
überheblich
  Dilettanten stehn enthüllt
ob wilde Farbkaskade
die entgeistert
oder artige Ballade
die zermeistert
jede fade Eskapade
  jedes Plagiat wird zerknüllt

(Erst: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, 2006, Anthologie IX)

in formation

spitze seelenlose Silben
hehrer hoffnung hohn

verletzend vage verse
anstandsarme Aggression

rücksichtslose reime
lascher liebe liaison

penetrante phrasen
kalten krieges kastration

täuschen tanzen tränen
infam
intim
in formation

(2. Preis der Lektoratsagentur Marburg, 2005 für das Manuskript "in formation" )

Herzschmerz

gewähr mir deine Worte
und wärme sanft mein Herz
die Stille meiner Orte
gefriert zu grellem Schmerz

die Knospen deiner Küsse
sind morschem Holz entsprungen
das Echo müder Schüsse
ist unerhört verklungen

mein Blick ist rot verrostet
die Zeit verwelkt wie Laub
das Glück profan verkostet
von Tränen bleibt nur Staub

lass mich deinen Atem trinken
den wohlbekannten Duft
im Sumpf des Spotts versinken
und bau ein Schloss aus Luft

(aus dem Manuskript "in formation" s.o.)

liebes Leid

für lange Weile wähnte ich
das Glück wär allzeit mein
doch wider die Glückseligkeit schlich
Langeweile ein

so suchte ich mit Leidenschaft
der Leere Sinn zu geben
entfachte Glut die Leiden schafft
vernichtend war mein Streben

Zweifel säen leicht Gewicht
und wandeln tückisch lauer
Liebe Leichtgewicht
in Liebesleid auf Dauer

(aus dem Manuskript "in formation" s.o.)

Horizont

der Horizont treibt bleiche Segel
vor sich her

sie kreuzen wider jede Regel
übers Meer

und während ihre Spuren schwinden
in der Flut

drehen sie sich neuen Winden
zu mit Mut

starken Böen trotzen sie im Sturm
und wenden

vor der Wellen Turm
und enden

(aus dem Manuskript "in formation" s.o.)

leise

der Nachen unterquert ein Viadukt
ich rudere dem Strom entgegen
folge meiner Phantasie Produkt
und rieche irgendwo den Regen

der Himmel wölbt sich über Land
ein augenblauer Baldachin
hält schützend seine Hand
der Sommer geht mir aus dem Sinn

Kielwasser weht zu beiden Seiten
in jener sonderbaren Weise
wie Bräute ihren Schleier breiten
meine Tränen tropfen leise

(aus dem Manuskript "in formation" s.o.)

alles offen

fröstelnd nieselt Dauerregen
Tropfen klopfen hart ans Glas
täuschend rieselt grauer Segen
Traum wird Schaum und blass der Spaß

schillernd taumeln Seifenblasen
spiegeln eine Zauberwelt
bis die Kälte hohler Phrasen
selbst den feinsten Schein entstellt

hart straht fahler Sichelmond
schneidet Glück zu schmalem Stück ...
... doch bald wandelt neu der Mond
schmiedet Stücke zum Geschick

streichelnd nieselt Schauerregen
Tropfen klopfen zart ans Glas
tröstend rieselt lauer Segen
Schaum wird Traum wird wieder Spaß

schillernd tanzen Seifenblasen
Hoffnung in der Seele wohnt
jubelnd Wunschgedanken rasen
unter prallem Märchenmond

Wandelmond und Schicksalshoffen
Seifenblasen Traum und Schaum
Regenschauer - alles offen

(aus dem Manuskript "in formation" s.o.)

oder

oder ich werde schweben

getragen von leuchtenden Farben
furchtlos, denn das Licht
verstößt mich nicht
und es bleiben keine Narben

durch das Leben

erfüllt von sphärischem Klang
bezaubert durch schwingende Noten
geleitet von himmlischen Boten
ist mir dann nicht mehr bang

vor dem neuen Leben

(aus dem Manuskript "in formation" s.o.)

gegenwärtig

gegenwärtig und doch nicht von dieser Welt
unfertig hineingestellt

wandere ich durch leere Räume
lebe andere als meine Träume

verfolge Gänge die im Finstern enden
lasse es dabei bewenden

hänge fremder Erinnerung nach
werde endlich wach

und will es wagen
mein Alter mit Anstand zu tragen

(aus dem Manuskript "in formation" s.o.)



Lyrik


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